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Wie man in seinen späten 20ern die Zauberei entdeckt

Über Status, Schubladen und die Frage, wem wir erlauben, unsere Freude zu bewerten.

Ein Mann liest in einem Straßencafé ein Magazin mit der Überschrift Meinungen und dem Zitat niedlich

„Wie kommst du eigentlich zur Zauberei?“ ist, neben „Wie lernt man das?“ oder „Kannst du auch meine Frau verschwinden lassen?“, wahrscheinlich die Frage, die mir am öftesten gestellt wird.

Sehr weit ausgeholt, könnte ich von meiner Kindheit und Jugend erzählen (viele kennen mit Sicherheit den Magier mit der Maske, die TV-Specials von David Copperfield oder die in meiner Erinnerung damals wirklich beeindruckend inszenierten Shows eines Themenparks in Brühl sowie eine der ersten Street-Magic-Shows, die um das Jahr 2009 im TV liefen).

Außerdem gehöre ich zu den Menschen, die der Poker-Boom Anfang der 2000er Jahre erwischte. Karten mischen und mit Karten „spielen“ fungierten seit dieser Zeit lange als eine Art „Stressball“ oder halfen beim Sortieren von Gedanken. Karten waren, mit einigen Auszeiten, ein stetiger Begleiter, nur für mich.

Damit wäre die grundsätzliche Affinität geklärt. Als ich meine ersten, richtigen Kunststücke (für die ich tatsächlich Tage geübt habe) meiner Familie und Freunden vorgeführt habe, war ich bereits 29 Jahre alt. Um es kurz vorwegzunehmen und das ist vielleicht die Überraschung: Es war oftmals grausam … aber dazu später mehr. :)

Beruflich bin ich Beamter bzw. konkret Cybercrime-Ermittler. Auch wenn dies in gewisser Weise mehr mit den psychologischen Grundprinzipien der Zauberei gemeinsam hat, als euch wahrscheinlich bewusst ist, zaubern die mir bekannten Kollegen und Kolleginnen nicht.

Der Auslöser war bei mir ehrlicherweise eine schwierige Trennung im Jahr 2016 (keine Sorge, ich bin glücklich mit der tollsten Frau der Welt verheiratet und wir haben zwei tolle Kinder). Vermutlich kennt ihr das aus eigener Erfahrung: Wer aus einer Beziehung kommt, verändert oft etwas. Die einen schneiden sich die Haare, die anderen ziehen um oder fangen mit einem neuen Sport an. Bei mir waren es ein paar YouTube-Videos, durch die ich in das Rabbit Hole Zauberei gefallen bin.1

Was mich daran bis heute fasziniert, ist die Erkenntnis, wie wenig es braucht, um einen besonderen Moment zu erzeugen, der Menschen verbindet. Manchmal genügt ein Kartenspiel oder ein Stift, manchmal braucht es überhaupt nichts außer einem Gespräch. Genau dieses „magische“, verbindende und positive Element ist es, das mich in den YouTube-Videos so sehr in den Bann gezogen hat, dass mich die Zauberei seither nicht mehr losgelassen hat.

Hinzu kommt die Komplexität dahinter: die technischen und psychologischen Prinzipien, die ein Kunststück überhaupt erst funktionieren lassen, aber auch die Improvisation und die Notwendigkeit, Abläufe an die jeweilige Situation anzupassen. Man lernt bei jeder Vorführung etwas über seine Mitmenschen und es macht Freude, gemeinsam einen besonderen Moment zu teilen.

Doch wie ist das so, wenn man mit 29 Jahren das erste Mal ein Kunststück zeigt? Ihr kennt es vielleicht aus eurem Arbeitsalltag: Ihr investiert in eine Idee oder ein Projekt Herzblut und pitcht dies das erste Mal vor Publikum. Mit Kunststücken ist dies vergleichbar. Man übt tagelang vor dem Spiegel, lernt Technik und Präsentation, um dann festzustellen: Die Realität lässt sich nicht immer genau planen und Status ist manchmal wichtiger, als das, was man inhaltlich vorträgt.

In einem Seminar sagte Rainer Mees (wahrscheinlich einer der kompetentesten deutschen Mentalisten) sinngemäß: Status kann man sich nicht nehmen, sondern Status bekommt man gegeben. Den Wert seiner eigenen Kunst bestimmt man jedoch selbst und dieser überträgt sich auf das Publikum.2 Dies ist ein Rat, den ich seither beherzige. Schließlich geht es doch beim Vorführen von Kunststücken für mich darum, meine Begeisterung für das Thema Magie zu transportieren bzw. einen besonderen Moment zu kreieren und diesen mit meinen Mitmenschen zu teilen.

Warum die ersten Vorführungen grausam waren

Ich sagte vorhin, meine ersten Vorführungen waren für mich grausam. Dies liegt an unterschiedlichen Punkten. Der wohl wichtigste Punkt ist das Thema Schubladendenken und Status. Die wenigsten Menschen können behaupten, dass ihnen wirklich egal ist, wie andere Menschen einen selbst wahrnehmen. Speziell wenn man frisch aus einer Beziehung kommt.

Spannenderweise sind es nicht die Dinge, die mir in Erinnerung geblieben sind, durch die jeder angehende „Zauberer“ muss und die man grundsätzlich mit dem Thema „Zuschauer-Management“ beschreibt. Mit diesen Dingen meine ich, dass Zuschauer (Freunde und Bekannte) einem z. B. in die Karten greifen oder Kunststücke absichtlich sabotieren. Gerade zu Beginn hat man nicht den Werkzeugkasten, um zu improvisieren. Es ist auch nicht das Thema Ablehnung, welches mich beschäftigte. Nicht jeder mag Kaffee und nicht jeder mag Zauberei. :) Diese Dinge sind normal und sind aus heutiger Erfahrung auf das angesprochene Status-Problem zurückzuführen. Ich war zu diesem Zeitpunkt halt nur jemand, der plötzlich ein Kartenkunststück zeigen wollte, und kein Magier / Mentalist, der über viele Jahre hinweg beinahe täglich an seinem Handwerk / seiner Kunst arbeitet.

Es sind vielmehr Sätze von, in meinem Fall ausschließlich männlichen, Personen aus dem erweiterten Bekanntenkreis wie „Du bist ja süß mit deinen Karten“, „Ich finde das wirklich niedlich“ oder „lasst doch mal den Kinderquatsch“.

Bei letzterer Aussage musste ich lernen, dass es hier nur darum ging, dass die Person mal kurzzeitig nicht mehr im Mittelpunkt stand bzw. ich aus meiner Rolle ausbrach. Dies war mir damals jedoch nicht bewusst. Die ersten beiden Aussagen hingegen klingen nicht dramatisch und waren wahrscheinlich auch nicht böse gemeint. Bitte stellt euch jedoch die Frage, wie ihr in dieser Situation mit euch umgehen und was ihr empfinden würdet? Euch macht persönlich etwas Freude, ihr arbeitet daran über Tage / Wochen und traut euch, eure „Kunst“ / „Arbeit“ anderen Menschen zu präsentieren. Wäret ihr mit der Bewertung „süß“ glücklich? Vielmehr noch: Würdet ihr als erwachsene Person gerne als „süß“ wahrgenommen werden?

Hinzu kommt das antiquierte Bild, dass viele Menschen von einem Zauberer haben (bunt, laut und „für Kinder“). Dieses Bild stellt anfänglich eine Hürde dar. Ich wollte schließlich nicht in diese Schublade gesteckt werden bzw. wollte mit fast 30 Jahren auch beruflich weiterhin ernst genommen werden (Anmerkung: Als Beamter eine Nebentätigkeit als Zauberer anzumelden, war bzgl. meiner Gefühlswelt spannend).

Bei aller dargestellten Negativität: Die meisten Reaktionen waren wirklich großartig, weshalb ich bis heute dabei geblieben bin und mich weiterhin beinahe täglich mit dem Thema Magie beschäftige. Bei uns Menschen bleiben jedoch häufig die negativen Emotionen viel stärker hängen. Ihr kennt dies vielleicht, wenn ihr Jahre später an eine Situation denkt, in der ihr Scham empfunden habt und errötet.

Ich behaupte, jeder Mensch, der etwas von sich selbst teilt, hat den Wunsch, ernst genommen zu werden. Auch wenn man, wie in meinem Fall, inhaltlich eine Illusion teilt, die natürlich nicht immer ernst genommen werden soll.

Für mich aus heutiger Sicht spannend: Es brauchte nichtmal ein Verbot, um mich zumindest auszubremsen. Es reichte ein nebenbei gesagtes „niedlich“.

Meine Freude an der Sache trübte sich und ich fragte mich innerlich, ob ich meine Zeit vergeude bzw. ob ich mich nicht eher „erwachsener“ verhalten müsste. Was ich damals nicht wusste und heute weiß: Wir formen unser Selbstbild zu einem großen Teil daraus, was wir glauben, dass andere über uns denken.3 Es wird dann zum Problem, wenn wir dieses Urteil Menschen überlassen, denen unser Selbstbild eigentlich egal ist.

Wie aus dem Hobby ein Nebenberuf wurde

Es hat eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass mich nicht alle Menschen mögen müssen und dass mit der Volljährigkeit nicht der oft gepredigte Ernst des Lebens beginnt, sondern vielmehr eine Reise, die wir (zumindest in unseren Breitengraden mit Varianz) privilegierterweise auch selbst in der Hand haben.

Den entscheidenden Schritt hat mir dann aber ehrlicherweise jemand anderes abgenommen. Marcel Wunder, ein alter Klassenkamerad, mit dem ich Abitur gemacht habe, kreuzte nach fast zehn Jahren ohne Kontakt wieder meinen Weg. Wir stellten fest, dass wir beide zaubern, er allerdings hauptberuflich.4 Er war es, der mich fragte, ob ich beim „Zauberwerk“, einer magischen Mixed-Show im Theater im Walzwerk5 in Pulheim bei Köln, auftreten möchte. Im Mai 2022 stand ich dort das erste Mal auf einer öffentlichen Bühne. Marcel und dem Theaterleiter Marco bin ich bis heute und jedes Mal aufs Neue dankbar, dass ich dort mittlerweile jährlich im Rahmen dieser Show auftreten darf.

Ein Mann im Anzug tritt durch den Vorhang in den Scheinwerfer auf eine Bühne

Entsprechend teile ich meine Magie und freue mich über jede Person, die ich für einen Moment aus der Ernsthaftigkeit ihres Alltags entführen darf und die zumindest für einen kurzen Moment ihre Realität hinterfragt.

Mein Appell: Macht mehr von dem, was euch glücklich macht, sprecht drüber und teilt es. Es geht nicht darum, dass jeder eure Begeisterung inhaltlich teilen muss. Es geht nicht darum, wie andere das Thema finden. Es geht vielmehr darum, dass wir unsere Freude teilen. Wer hört schließlich nicht gerne einem Menschen zu, der von einem Thema berichtet, das er mit ganzem Herzen verfolgt. Ob Klemmbausteine, Eisenbahn, Videospiele, Cosplay oder Hobby Horsing … habt Spaß am Leben, ihr habt nur eines.

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Oliver Muñoz Gutierrez
Oliver Muñoz Gutierrez

Mentalist und Magier mit Hintergrund in der Cybercrime-Analyse. Seine Shows zeigen, wie faszinierend — und wie fragil — unsere Wahrnehmung wirklich ist.

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Quellen und Anmerkungen

  1. Chris Ramsay, kanadischer Zauberkünstler. „Wir haben uns noch nie getroffen // Magie“ (Titel automatisch übersetzt) sowie „Chris Ramsay // Street Magic (At the Fair)“. Zu sehen auf YouTube: Video 1 ↗ und Video 2 ↗.
  2. Rainer Mees, Mentalkünstler, Hypnotiseur und Berater. Mehr zu seiner Arbeit unter der-mees.com ↗.
  3. Cooley, C. H. (1902). Human Nature and the Social Order. New York: Scribner’s. Der Gedanke geht auf das Konzept des Looking-Glass Self zurück: Wir entwickeln unser Selbstbild auf Grundlage dessen, was wir glauben, dass andere über uns denken.
  4. Marcel Wunder, Zauberkünstler, Moderator und Entertainer aus dem Raum Köln. Mehr zu seiner Arbeit unter marcel-wunder.de ↗.
  5. Theater im Walzwerk, Pulheim bei Köln. Kleinkunstbühne mit Programm aus Kabarett, Konzerten, Improtheater und Magie, unter anderem der Mixed-Show „Zauberwerk“. Mehr unter theaterimwalzwerk.de ↗.
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