Du gehst in einen wichtigen Termin, vielleicht eine Präsentation oder eine Prüfung, und bist dir sicher, dass du versagen wirst. Dein Puls steigt, du kannst dich schlechter konzentrieren und fängst an zu schwitzen. Obwohl du bestens vorbereitet bist, will einfach nichts funktionieren. Du hast einen "Blackout". Hinterher sagst du: „Ich wusste es.“ Doch was passiert in diesem Moment eigentlich mit uns und wie können wir uns selbst helfen?
Wenn Erwartungen Wirklichkeit werden
Der Soziologe Robert Merton hat diesem Phänomen 1948 einen Namen gegeben: Die selbsterfüllende Prophezeiung.1 Eine falsche Annahme löst ein Verhalten aus, das die Annahme wahr werden lässt. Du erwartest, dass deine Präsentation schiefgeht und begibst dich selbst auf eine Reise wiederkehrender und sich selbst verstärkender negativer Gedanken und Selbstzweifel.
Das funktioniert in beide Richtungen. Wer erwartet, dass ein Abend langweilig wird, verhält sich so, dass er langweilig wird: Zurückhaltend, verschlossen und desinteressiert. Wer dagegen erwartet, dass es gut wird, geht offener in die Situation und erhöht die Chance, tatsächlich Spaß zu haben. Erwartungen sind nicht magisch, beeinflussen aber bereits lange vor der Situation dein Verhalten. In der Medizin ist dieses Prinzip als Placebo-Effekt bekannt: Allein die Erwartung, dass ein Medikament wirkt, kann messbare körperliche Verbesserungen auslösen, selbst wenn überhaupt kein Wirkstoff verabreicht wurde. Dieser Effekt kann sogar über Bezugspersonen wirken — in der Forschung als Placebo by Proxy bekannt:3 Die Erwartung der Eltern beeinflusst messbar das Behandlungsergebnis ihrer Kinder.
Was andere von dir erwarten, verändert deine Leistung
Noch spannender wird es, wenn wir uns die Auswirkungen von Erwartungen anderer an uns ansehen.
In einem bekannten Experiment teilten Psychologen Lehrern mit, dass bestimmte Schüler kurz vor einem intellektuellen Entwicklungsschub stünden. In Wirklichkeit waren diese Schüler zufällig ausgewählt worden. Am Ende des Schuljahres hatten diese Kinder bessere Ergebnisse erzielt als die Vergleichsgruppe.2 Erwartungen beeinflussen unser Handeln. In diesem Fall bedeutete dies für die Schüler: Mehr Aufmerksamkeit, mehr Ermutigung und mehr Geduld.
Dieses Phänomen wird als Pygmalion-Effekt bezeichnet, welcher nach dem griechischen Bildhauer benannt wurde, der sich in seine eigene Skulptur verliebte und sie dadurch zum Leben erweckte. Die Originalstudie ist methodisch nicht unumstritten, aber spätere Forschung spricht dafür, dass solche Erwartungseffekte unter bestimmten Bedingungen tatsächlich auftreten können. Vor allem wenn Erwartungen das Verhalten der Bezugsperson verändern.
Ein vereinfachtes Beispiel: Denk an deinen Arbeitsalltag. Eine Führungskraft, die davon ausgeht, dass ihr Team eigenständig arbeiten kann, gibt mehr Spielraum, delegiert mutiger und reagiert gelassener auf Fehler. Eine Führungskraft, die Inkompetenz erwartet, kontrolliert engmaschig, korrigiert ständig und erzeugt die Unsicherheit, die sie befürchtet hat.
Warum mich das auf der Bühne beschäftigt
Als Mentalist arbeite ich mit Suggestion. Suggestion ist im Kern nichts anderes als gezielte Erwartungssteuerung. Wenn ich auf der Bühne sage: „Denk an eine Farbe, die erste, die dir in den Sinn kommt“, dann lenke ich nicht den Gedanken. Ich lenke die Erwartung. Die meisten psychologischen Effekte, die auf einer Bühne passieren, beruhen auf den eigenen Erwartungen der Zuschauer.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich das beim sogenannten ideomotorischen Effekt: Allein die Erwartung oder Vorstellung einer Bewegung kann unbewusste Mikrobewegungen auslösen. Das ist der Grund, warum ein Pendel scheinbar von alleine schwingt oder ein Glas beim Gläserrücken wie von Geisterhand über den Tisch gleitet. Nicht Übersinnliches bewegt das Pendel — sondern deine eigene Erwartung.
In meinem Hauptberuf sehe ich die Kehrseite: Social Engineering (Phishing, Schockanrufe, Enkeltrick etc.) funktioniert nach demselben Prinzip. Jemand erzeugt die Erwartung, dass eine Situation "normal" ist und spricht unsere Entscheidungsmechanismen an. Erwartung ist kein Nebenschauplatz der Psychologie. Sie ist einer der stärksten Hebel, den wir kennen.
Was in deinem Kopf passiert
Der Mechanismus dahinter ist relativ nüchtern: Dein Gehirn bevorzugt Informationen, die zu deinen bestehenden Annahmen passen. Psychologen nennen das Confirmation Bias.4 Wenn du erwartest, dass dein neuer Kollege unsympathisch ist, wirst du jede Bemerkung durch diesen Filter lesen. Und du wirst dich ihm gegenüber anders verhalten. Vorsichtiger, distanzierter und kühler. Er spürt das, reagiert entsprechend, und am Ende sagst du: „Ich hatte gleich ein komisches Gefühl.“
Umgekehrt gilt dasselbe: Wenn du jemandem Kompetenz zuschreibst, gibst du ihm mehr Vertrauen, mehr Raum, mehr Rückenwind. Und genau das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass er tatsächlich gute Arbeit leistet. Die Prophezeiung erfüllt sich...
...in beide Richtungen.
Was du daraus mitnehmen kannst
- Deine Erwartung ist nicht neutral. Sie beeinflusst, wie du dich verhältst, wie andere auf dich reagieren und was am Ende passiert. Das zu wissen, ist der erste Schritt.
- Du kannst die Richtung wählen. Eine negative Erwartung zu erkennen, heißt nicht, sie ignorieren zu müssen. Es heißt, dir bewusst zu machen, dass sie dein Verhalten lenkt und dass du entscheiden kannst, ob du ihr folgst.
- Wer an dich glaubt, verändert dein Ergebnis. Das ist kein Motivationsposter, sondern messbar. Umgib dich mit Menschen, die dich für fähig halten und sei selbst diese Person für andere.
- Hinterfrage, woher deine Erwartungen kommen. Viele unserer Überzeugungen über uns selbst stammen nicht von uns, sondern von Eltern, Lehrern, Vorgesetzten. Sie zu überprüfen, ist keine Schwäche, sondern ein Zeichen von Klarheit.
- Achte auf deinen inneren Monolog. Was du dir selbst sagst, beeinflusst, wie du dich fühlst und was du leistest. Forschung zeigt, dass bewusst gewählte Selbstgespräche Konzentration, Selbstvertrauen und Leistung messbar verbessern können.5 Der erste Schritt ist, zu bemerken, was die Stimme in deinem Kopf gerade sagt.
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